Genau 4.671 Warnmeldungen über gefährliche Produkte in einem einzigen Jahr. Rekord. Und das sind nur die Fälle, die Behörden überhaupt entdeckt haben. Was unentdeckt bleibt, liegt nach Einschätzung von Fachleuten um ein Vielfaches höher. Man könnte das als Erfolg des Systems lesen: mehr Kontrollen, mehr Entdeckungen, mehr Transparenz.
Das wäre bequem. Es wäre auch falsch.
Ein Zeichen, das nichts beweist
Im europäischen Binnenmarkt gilt das CE-Kennzeichen als Qualitätssignal. Eltern sehen es auf Spielzeugverpackungen und vertrauen darauf, dass jemand das Produkt geprüft hat. Die Wahrheit ist unbequemer: In den meisten Fällen prüft niemand. Der Hersteller erklärt schlicht selbst, dass sein Produkt den EU-Vorschriften entspricht – und bringt das Zeichen auf. Eine unabhängige Kontrolle ist bei vielen Produktkategorien gesetzlich nicht vorgeschrieben.
Das CE-Zeichen ist damit kein Prüfsiegel. Es ist eine Selbstauskunft. Und Selbstauskünfte sind bekanntlich nur so zuverlässig wie die, die sie ausstellen.
Der Online-Handel als Kontrollblindstelle
Wo früher ein Importeur, ein Großhändler, ein Einzelhändler zwischengeschaltet waren – mit jeweils eigenen Haftungsrisiken –, landet heute ein Päckchen aus einem Drittland direkt vor der Haustür. Anbieter auf internationalen Plattformen können europäische Sicherheitsanforderungen leichter umgehen, weil die Kontrolldichte an diesem Einfallstor schlicht unzureichend ist. Der Zoll ist überlastet, die Marktüberwachungsbehörden der Mitgliedstaaten arbeiten unkoordiniert, digitale Kontrollmechanismen greifen zu langsam.
Das Ergebnis: Gefährliche Produkte werden häufig erst entdeckt, wenn sie längst im Umlauf sind. Manchmal gar nicht.
Kinder zahlen den Preis
Besonders bitter ist das beim Spielzeug. Kinder nehmen Dinge in den Mund. Sie kauen auf Teilen, die sich lösen. Sie spielen unbeaufsichtigt. Die Anforderungen an Spielzeug sind aus gutem Grund hoch – doch der „Safety Gate Report“ zeigt, dass diese Anforderungen in erschreckend vielen Fällen nicht eingehalten werden. 16 Prozent aller Warnmeldungen betrafen Spielzeug. Dahinter stehen keine abstrakten Produktkategorien, sondern konkrete Verletzungsrisiken für konkrete Kinder.
Was jetzt gebraucht wird
Die Antwort auf dieses Versagen kann nicht ein weiterer Bericht sein, der im Brüsseler Archiv landet. Was gebraucht wird, ist eine grundlegende Neuausrichtung der Marktüberwachung: EU-weit koordiniert, deutlich digitaler, mit enger Verzahnung zwischen Zoll und Kontrollbehörden – und vor allem mit echten Konsequenzen für Plattformen, die gefährliche Ware durchleiten.
Das CE-Zeichen sollte außerdem das sein, was Verbraucher schon längst glauben, dass es ist: ein echter Nachweis, keine Selbsterklärung. Solange das nicht gilt, bleibt es das teuerste wertlose Symbol Europas.
Und der Rekord von 2025 wird 2026 gebrochen werden.
