Joe Biden im Porträt: „Schlacht um die Seele der Nation“

Barack Obama und Joe Biden
Barack Obama und Joe Biden

Auf diesen Augenblick hat Joe Biden lange gewartet. Beim Parteitag seiner Demokraten wird der frühere US-Vizepräsident diese Woche offiziell zum Präsidentschaftskandidaten gekürt. Der 77-jährige Politik-Veteran mit dem schlohweißen Haar soll bei der Präsidentschaftswahl am 3. November Amtsinhaber Donald Trump aus dem Weißen Haus jagen – er hat eine „Schlacht um die Seele der Nation“ ausgerufen. In Umfragen liegt Biden vor seinem Rivalen, doch für Prognosen ist es zu früh.

Denn vor dem einstigen Stellvertreter von Präsident Barack Obama liegen harte Wochen: Der Wahlkampf geht jetzt erst richtig los, das Trump-Lager fährt schweres Geschütz auf, und Biden könnte sich selbst immer wieder ein Bein stellen: Er bringt sich regelmäßig mit missglückten Formulierungen in die Bredouille und ist bekannt für Verhaspler und Versprecher.

Dass Biden derzeit trotzdem als Favorit gilt, hat viele Gründe: Der Demokrat hat sich vom Anfang seiner Wahlkampagne an konsequent als Gegenentwurf zum Amtsinhaber positioniert. Er verspricht den von der aufreibenden Trump-Präsidentschaft ermüdeten Wählern eine Rückkehr zu Normalität, Verlässlichkeit, ruhiger Regierungsführung, Anstand und amerikanischen Werten.

Insbesondere in der Coronavirus-Pandemie profitiert Biden von seinem Ruf als erfahrene und besonnene Führungspersönlichkeit, während Trump für sein erratisches Krisenmanagement verheerende Kritiken erntet. Und während der Rechtspopulist im Weißen Haus nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd die Spannungen weiter schürte, präsentiert sich Biden als Brückenbauer und Versöhner.

„Amerika vereinen“ ist zu einem zentralen Motto des langjährigen Senators geworden – auch wenn er weiß, wie schwer das angesichts des aufgeheizten politischen Klimas in dem Land ist.

Das Thermometer dürfte in den kommenden Wochen noch spürbar steigen. Beobachter befürchten einen der schmutzigsten Wahlkämpfe der US-Geschichte. Trump verunglimpft den „schläfrigen Joe“, wie er Biden am liebsten nennt, schon seit Wochen abwechselnd als altersdement, korrupt, China-freundlich, Polizei-feindlich oder „Marionette der radikalen Linken“. 

Bei den im Herbst geplanten drei TV-Debatten dürfte Biden wüste Trump-Attacken über sich ergehen lassen müssen. Und als besonders redegewandt und schlagfertig gilt er wahrlich nicht: In Interviews hat Biden, der als Kind stotterte, immer wieder Schwierigkeiten, Sätze geordnet zu Ende zu bringen.

Doch das Urgestein des Washingtoner Politbetriebs hat Zweifler immer wieder überrascht. Im Bewerberrennen der Demokraten hatten viele Biden nach ersten Vorwahlschlappen abgeschrieben, bis ihm ein glänzendes Comeback gelang und er sich die Präsidentschaftskandidatur sicherte.

Fürchteten viele, das progressive Lager werde sich niemals hinter den Mitte-Politiker stellen, hat Biden geräuschlos meinungsstarke Linken-Idole wie die Senatoren Bernie Sanders und Elizabeth Warren eingebunden und Teile ihrer Vorschläge übernommen, ohne von seinem moderaten Kurs abzuweichen. Zuletzt bekam er viel Lob für seine Wahl der schwarzen Senatorin Kamala Harris als Vize-Kandidatin.

Dass die Coronavirus-Krise einen klassischen Wahlkampf unmöglich macht, hat Biden auch nur vorübergehend zurückgeworfen. Spotteten zunächst viele, der 77-Jährige verstecke sich im Keller seines Hauses in Wilmington im Bundesstaat Delaware, wird Bidens vorsichtiges Vorgehen nun angesichts der dramatischen Corona-Zahlen im Land als Weisheit gepriesen.

Ohnehin dürfte Biden, der am 20. November 78 Jahre alt wird, wenig traurig sein, dass es in diesem Jahr wegen Corona keine großen Wahlkampfveranstaltungen geben wird: Der einstige Vizepräsident ist keiner, der bei Zuhörern Begeisterungsstürme auslöst. Dagegen sind für den rechtspopulistischen Volkstribun Trump Auftritte vor tausenden jubelnden Anhängern Wahlkampfmotor und Lebenselixier.

Für Biden, der sich vor mehr als 30 Jahren erstmals um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten bewarb, ist das Weiße Haus nun in greifbare Nähe gerückt. Sollte er die Wahl gewinnen, würde er der älteste Präsident der US-Geschichte. Doch bis dahin, das weiß Biden, wird er jeden Tag hart kämpfen müssen.

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