Nummer zwei im Rampenlicht – Auswahl und Aufgaben des US-Vizepräsidenten

Weißes Haus, USA
Weißes Haus, USA

Der Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten, Joe Biden, will diese Woche seine Vize-Kandidatin vorstellen. Die Wahl des sogenannten Running Mate ist für die Präsidentschaftswahl von großer Bedeutung – und dem Amt des Vizepräsidenten kommt in den USA eine gewichtige Rolle zu. Ein Überblick:

Lange belächelt, manchmal sehr mächtig

Vizepräsidenten wurden in der US-Geschichte lange Zeit belächelt, zu sehr standen sie im Schatten des Präsidenten. Ursprünglich war der Posten nur ein Trostpreis: In den ersten Jahren nach der Staatsgründung wurde Vizepräsident, wer bei der Präsidentschaftswahl auf dem zweiten Platz gelandet war. Das änderte sich aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Wahlregeln mit dem zwölften Verfassungszusatz geändert wurden.

In der Verfassung findet sich wenig über die konkreten Aufgaben des Vizepräsidenten, der umgangssprachlich Veep (aufgrund der Abkürzung VP) genannt wird. Protokollarisch ist er die Nummer zwei im Staat. Sein tatsächlicher Einfluss hängt stark davon ab, wie viel Raum der Präsident ihm lässt – und wie er selbst das Amt gestaltet.

Als einer der mächtigsten Vizepräsidenten der US-Geschichte gilt Dick Cheney, der George W. Bush von 2001 bis 2009 als Stellvertreter diente. Der derzeitige Vize Mike Pence gilt dagegen als relativ wenig einflussreich.

Der Stellvertreter als Ersatz

Die Verfassung sieht für den Vizepräsidenten eine entscheidende Rolle vor: Er rückt als Präsident nach, wenn der Amtsinhaber stirbt, das Amt aus bestimmten Gründen nicht ausfüllen kann, zurücktritt oder des Amtes enthoben wird. So wurde Lyndon B. Johnson 1963 nach der Ermordung von John F. Kennedy neuer Präsident. Elf Jahre später löste Gerald Ford den im Zuge der Watergate-Affäre zurückgetretenen Richard Nixon ab.

Der Vizepräsident ist auch Senatspräsident

Der Vizepräsident ist Kraft seines Amtes auch der Vorsitzende des US-Senats. Ein Stimmrecht hat er aber nur, wenn es in der Kongresskammer mit den 100 gewählten Senatoren zu einer Pattsituation kommt. Dann gibt der Vizepräsident mit seiner Stimme den Ausschlag. Weil es im Senat häufig knappe Mehrheiten gibt, ist diese Funktion des Vizepräsidenten grundsätzlich von großer Bedeutung. Seit Trumps Amtsantritt im Januar 2017 schritt Vize Pence 13 Mal bei einer Pattsituation ein.

Die Auswahl des Vizes

Lange Zeit wurde der Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten vor allem anhand von partei- und wahltaktischem Kalkül ausgewählt: Der Präsidentschaftskandidat und sein Vize sollten ein sich gegenseitig ergänzendes Duo bilden, das verschiedene Regionen und politische Strömungen abbildet. So wählte beispielsweise ein liberaler Präsidentschaftskandidat aus dem Norden einen konservativen Stellvertreter aus dem Süden aus. 

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das gewandelt. Im Vordergrund steht eher, dass Präsident und Vize harmonieren und gut zusammenarbeiten können. Nach wie vor spielen regionale und ideologische Aspekte aber eine Rolle – und insbesondere in diesem Jahr auch die Repräsentation verschiedener Bevölkerungsgruppen.

Bidens Suche nach einem Running Mate

Biden hatte sich schon im März darauf festgelegt, mit einer Frau an seiner Seite in den Wahlkampf ziehen zu wollen – in der US-Geschichte gab es noch nie eine Vizepräsidentin. Nach den Anti-Rassismus-Protesten nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd ist zudem der Druck gewachsen, sich für eine nicht-weiße Kandidatin zu entscheiden.

Biden hat stets betont, dass die Vize-Kandidatin ihm politisch nahestehen und über ausreichend politische Erfahrung verfügen muss, um theoretisch sofort das Präsidentenamt übernehmen zu können. Sollte der 77-jährige Biden die Wahl am 3. November gewinnen, wäre er der älteste Präsident der US-Geschichte.

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