Annalena Baerbock: Kluge Pragmatikerin nimmt Kurs aufs Kanzleramt

Annalena Baerbock - Bild: Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Annalena Baerbock - Bild: Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Annalena Baerbock mangelt es nicht an Selbstbewusstsein. „Ich trete an für Erneuerung, für den Status Quo stehen andere“, verkündet die Grünen-Chefin am Montag bei der Verkündung ihrer Kanzlerkandidatur. Die 40-jährige Völkerrechtlerin, die seit Anfang 2018 gemeinsam mit Robert Habeck die Partei führt, nimmt Kurs auf das Kanzleramt. Zwar verfügt die Bundestagsabgeordnete über keinerlei Regierungserfahrung, doch sie gilt als durchsetzungsstark und gut vernetzt.

Baerbock strebt eine Politik „für die ganze Breite der Gesellschaft an“, verkündet sie bei der Vorstellung ihrer Kandidatur, die sich bis vor einigen Monaten noch kaum jemand hatte vorstellen können. Denn sie stand lange im Schatten des Ko-Vorsitzenden Robert Habeck, der schon vor der Wahl der beiden Parteichefs Anfang 2018 eine gewisse Popularität besaß und emsig durch die Talkshows tingelte.

Als Pluspunkt für Baerbock erwies sich bei der Kandidatenkür wohl auch, dass die Bundestagsabgeordnete, die seit 2013 im Parlament sitzt, in der Partei gut vernetzt ist und als ausgewiesene Expertin für Klimafragen gilt. Als Frau hatte sie ohnehin den ersten Zugriff auf die Kandidatur, wie auch Habeck einräumte.

Dass sie über keine Regierungserfahrung verfügt, wird sie im Wahlkampf wohl oft zu hören bekommen. Also sagt sie es am Montag gleich selbst: „Ja, ich war noch nie Kanzlerin, und auch nicht Ministerin.“ Doch sie betrachtet sich und ihre Partei als „lernfähig“. Spekulationen über eine mangelnde Durchsetzungsfähigkeit hat sie schon vor einiger Zeit selbstbewusst gekontert: „Drei Jahre als Parteichefin, Abgeordnete und Mutter kleiner Kinder stählen ziemlich.“

Ohnehin hat Baerbock in ihren gut drei Jahren an der Spitze der Grünen bewiesen, dass sie das politische Handwerk beherrscht: Sie ist verbindlich und vertritt jenen Pragmatismus, der die Grünen so stark gemacht hat in der jüngsten Vergangenheit. Die ausgewiesene Realpolitikerin hat es dabei geschafft, den linken Parteiflügel einzubinden. Zugleich erscheinen mit ihr alle Koalitionsoptionen möglich.

So streitet die studierte Völkerrechtlerin für einen konsequenten Klimaschutz und warnt zugleich davor, „Öko gegen Sozial“ auszuspielen: Sie präsentierte sich einst als basisnahe Kämpferin, die für den Kohleausstieg „raus auf die Straße“ will, aber auch das Gespräch mit Kohlekumpels sucht. In ihrem Wohnort Potsdam engagierte sie sich in einem Flüchtlingshilfeverein – und in der Corona-Krise besetzte die Mutter zweier Töchter frühzeitig das Familien-Thema.

Es ist das erste Mal, dass die Grünen sich für eine Kanzlerkandidatur entschieden haben. Formal muss das noch ein Parteitag im Juni besiegeln lassen. Dann sollen Baerbock und Habeck auch zum gemeinsamen Spitzenduo für den Wahlkampf gekürt werden.

Die jüngsten Meinungsumfragen lassen den Einzug Baerbocks in Kanzleramt keineswegs als bloßes Hirngespinst der Grünen-Strategen erscheinen. Die Partei robbte sich zuletzt nahe an die Union heran – die aber immer noch stärkste Kraft ist. Größere Chancen für eine Regierung unter Grünen-Führung gibt es daher wohl in einem Dreierbündnis. Baerbock unterlässt es am Montag aber, irgendeine Koalitionspräferenz erkennen zu lassen.

Die am 15. Dezember 1980 in Hannover geborene Baerbock war von 2009 bis 2013 Landesvorsitzende der Grünen in Brandenburg, bevor sie in den Bundestag einzog. Bei den schließlich gescheiterten Sondierungen über eine Jamaika-Koalition Ende 2017 machte sich die ehemalige Trampolinturnerin nicht nur in der Klima-, sondern auch der Europapolitik einen Namen. Im Januar 2018 wurde sie dann gemeinsam mit Habeck zur Grünen-Bundesvorsitzenden gewählt.

Baerbock legt jetzt großen Wert darauf, mit ihrem Ko-Vorsitzenden auch als Kanzlerkandidatin an einem Strang zu ziehen: „Die größte Kraft entwickelt man immer nur gemeinsam.“ Schließlich weiß sie ganz genau, was sie sich mit der neuen Aufgabe aufgeladen hat. Freimütig gibt sie zu: „Es wird nicht immer leicht sein.“

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AFP/Redaktion
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