Ein Mann – Zwei Gesichter: „Mein Platz ist in Bayern“ gilt für Söder vorerst nicht mehr

Markus Söder - Bild: Bayerische Staatskanzlei
Markus Söder - Bild: Bayerische Staatskanzlei

Wer Markus Söder eng begleitet hat, ahnte bereits lange, was nach unzähligen „Mein Platz ist in Bayern“-Sätzen nun offiziell ist: Söder will Kanzlerkandidat von CDU und CSU werden und dann im September der neunte deutsche Bundeskanzler. Der Mann, der als Kind unter einem Poster von Franz Josef Strauß schlief und sich von Edmund Stoiber politisch erziehen ließ, ist aus der Deckung gekommen.

„Ich bin bereit zu dieser Kandidatur“, sagte Söder nach der gemeinsamen Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Ob er sie auch bekommt, ist zweifelhaft. Schließlich will auch CDU-Chef Armin Laschet als Vorsitzender der ungleich größeren Schwesterpartei CDU Kanzlerkandidat der Union werden. 

Aber der ehrgeizige Söder gab zumindest das Versprechen ab, im Fall einer Kür Laschets ein guter Verlierer zu sein. Es solle keine Spaltung geben, „wir sind nicht Helmut Kohl und Franz Josef Strauß“, sagte er mit Blick auf die in gegenseitiger Abneigung verbundenen jahrelangen Alphatiere von CDU und CSU.

Söder wurde in der Hochphase von Kohl und Strauß politisch sozialisiert. Er kam am 5. Januar 1967 in Nürnberg zur Welt. Der Vater war selbstständiger Maurermeister, ein Patriarch. Bei der Konfession seines Kinds knickte der Katholik aber gegenüber seinem Schwiegervater ein. „Er hat meine Mutter erst heiraten dürfen, nachdem er ihrem Vater versprochen hatte, die Kinder evangelisch zu erziehen“, sagte Söder einmal der „Bild“-Zeitung. Der Franke nennt sich heute „begeisterter Christ“, besuchte auch schon den Papst.

Aus einem Arbeiterhaushalt im eher roten Franken erwuchs ein von Jugendjahren an konservativer Bursche. Nur ein paar Tage nach seinem 16. Geburtstag, dem frühesten Eintrittstermin, trat Söder in die CSU ein.  

Söder scheint als Jugendlicher ein Einzelgänger gewesen zu sein. Ein Lehrer berichtete einmal der Wochenzeitung „Die Zeit“, dass sich von dem durch einen „Mangel an Empathie“ auffallenden Schüler niemand habe helfen lassen wollen – dabei war Söder einer der besten Schüler, machte ein Einserabitur.

Der promovierte Jurist und ehemalige Fernsehredakteur des Bayerischen Rundfunks bestreitet den Vorwurf fehlender Empathie. Und tatsächlich fand der verheiratete Vater von vier Kindern in der Corona-Pandemie immer wieder Worte, die in der Bevölkerung breite Zustimmung fanden. Dies führte zwischenzeitlich zu beispiellosen Umfragewerten – das stärkste Pfund für Söders Ansprüche.

Lange vergessen scheint zu sein, dass Söder selbst vielen Weggefährten immer wieder suspekt erschien. Der frühere CSU-Chef Horst Seehofer putzten ihn mal als „vom Ehrgeiz zerfressen“ nieder, aber auch andere innerparteiliche Kritiker störten sich am breitbeinigen Auftritt des selbstbewussten Söder. Gerade in seinem ersten Wahlkampf zur Landtagswahl 2018 suchte Söder lange einen eigenen Kurs.

Doch fachlich konnte nie jemand in der CSU Söder etwas anhängen, was ihn in seiner Laufbahn bremste. Söder war acht Jahre lang bis 2003 Chef der Jungen Union, im Landtag sitzt er seit 1994. Von 2003 an war Söder CSU-Generalsekretär und profilierte sich im Schatten Stoibers als Scharfmacher. 

Bis zu seiner Wahl zum Ministerpräsidenten im Jahr 2018 saß Söder elf Jahre als Minister im Kabinett: Er führte die Ressorts Bundes- und Europaangelegenheiten, Umwelt und Gesundheit sowie Finanzen und Heimat. Seit Anfang 2019 ist er außerdem CSU-Chef. Mittlerweile genießt er in der CSU Zuspruch wie einst Strauß und Stoiber. 

Strauß und Stoiber behielten auch nach ihren gescheiterten Kanzlerkandidaturen ihre Vormachtstellung. Bei Söder dürfte es sogar dabei bleiben, wenn er nicht mal Kanzlerkandidat wird: Selbst die Korruptionsaffäre um Maskengeschäfte von CSU-Abgeordneten konnte ihm parteiintern bisher nichts anhaben. Das Risiko der Bereitschaft zur Kanzlerkandidatur ist für Söder also gering.

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