Heiße Spur im Cold Case nach 23 Jahren

Symbolbild: Blaulicht
Symbolbild: Blaulicht

Manchmal reicht ein einziger Anruf, um in einem Cold Case eine heiße Spur zu finden. Im Mordfall um einen 1996 in einer Sandgrube gefundenen Toten brachte ausgerechnet der Bruder eines damaligen Täters Bewegung in die ruhenden Ermittlungen. „Ich weiß, was damals passiert ist“, erzählte Thomas S. am Hinweistelefon der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“. „Das belastet mich schon seit 23 Jahren.“

Als einer von 50 Anrufern lieferte er den entscheidenden Hinweis im bis dato einzigen ungelösten Mordfall im Kreis Kleve, einen sogenannten Cold Case, den die Ermittler bereits zu den Akten gelegt hatten. In einer Sandgrube bei Rheurdt-Schaephuysen wurde 1996 eine männliche, nackte Leiche entdeckt. Eine gerichtsmedizinische Untersuchung des Toten zeigte, dass der Mann ermordet wurde. Die Ermittler konnten jedoch weder die Identität des Toten klären noch mögliche Tatverdächtige benennen.

Bei „Aktenzeichen XY … ungelöst“ wurden 2019 erstmals Montagebilder des Toten gezeigt, die mithilfe von neuer Digitaltechnik erstellt worden waren. S. stieß beim Fernsehen offenbar zufällig auf die Sendung, wie der damalige Ermittlungsleiter am Dienstag vor dem Landgericht Aachen aussagte. Dass er den Fall im Fernsehen sah, habe S. offenbar als „schicksalshaft“ empfunden und schließlich angerufen.

Zur Verblüffung seiner Gesprächspartnerin am Hinweistelefon nannte der Anrufer nicht nur die Identität des Opfers, sondern wusste auch genau über die Tatumstände und die damals Beteiligten Bescheid. „Was soll man denn machen, wenn man zufälligerweise weiß, wer es war?“, fragte er die Mitarbeiterin der Sendung.

Die Ermittlungserfolge ließen nach dem Anruf nicht lange auf sich warten. Für die geschiedene Ehefrau, die Geschwister und die beiden Kinder des Opfers brachte die Identifizierung des Toten späte Gewissheit. Als der 43-Jährige 1996 verschwand, vermuteten sie, dass er sich ins Ausland abgesetzt hatte. Für diese Theorie sprach auch, dass mit dem Opfer sein Kleinbus und sein Schäferhund namens Rex verschwunden waren.

Die Eltern des Opfers starben den Ermittlern zufolge ohne Gewissheit darüber, warum ihr Sohn damals verschwand. Für die damals siebenjährige Tochter war es „schrecklich“, nicht zu wissen, wo ihr Vater all die Jahre lang war. „Man kann es nicht so glauben, dass der Papa einen auf einmal vergisst“, sagte die heute 31-Jährige vor Gericht. Den Mann auf der Anklagebank würdigte sie keines Blicks.

Die Staatsanwaltschaft wirft Achim K. vor, den 43-Jährigen aus Würselen grausam und aus Habgier in dessen Werkstatt getötet zu haben. Sein mutmaßlicher Komplize starb 1997 bei einem Verkehrsunfall in der Türkei. Der Mittäter soll den Mann mehrfach mit einem Hammer geschlagen haben. Der Angeklagte habe dem Opfer schließlich ein Seil um den Hals gelegt und es erdrosselt.

Die Leiche sollen die beiden Männer in die etwa hundert Kilometer entfernte Sandgrube gebracht haben. Der Mordprozess gegen K. begann am Dienstag vor dem Aachener Landgericht. Zum ersten Prozesstag waren zwölf Zeugen geladen, darunter auch der damalige Ermittlungsleiter der Krefelder Polizei sowie Angehörige des Opfers.

Als Zeugen geladene Freunde des Angeklagten lernten ihn als Telefontechniker, Automechaniker und Turmspringer kennen. Ob er 1996 einen Mord beging, konnten sie jedoch nicht beantworten. Ein Urteil darüber fällt das Gericht nun in den kommenden Wochen. Der Mordprozess ist zunächst bis Anfang Mai angesetzt.

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