Inklusion in Hollywood

Hollywood sorgt bald wieder für Filmnachschub - Maks Ershov/Shutterstock.com

Die Geschichte eines gehörlosen Schlagzeugers, eine Dokumentation über ein Hippie-Camp für Behinderte, der erste Film mit einem taubblinden Schauspieler – all diese Produktionen haben dieses Jahr Chancen auf einen Oscar. Das Thema Inklusion scheint in Hollywood angekommen zu sein.

Bisher hätten die Hollywood-Produzenten „keinen sehr guten Job gemacht“, sagt Paul Raci, der für „Sound of Metal“ – dem Film über den Schlagzeuger – als bester Nebendarsteller nominiert ist. Raci wuchs mit gehörlosen Eltern auf und kann selbst nur eingeschränkt hören. „Leute wie ich dürfen nicht nachlassen, auf all die behinderten Künstler und Genies aufmerksam zu machen.“

Auch in der Vergangenheit wurde Behinderung in Hollywood immer mal wieder thematisiert, um dann jahrelang erneut ignoriert zu werden. 1948 gewann Jane Wyman, eine hörende Schauspielerin, den Oscar für ihre Rolle als Gehörlose in „Schweigende Lippen“. Eine absolute Fehlbesetzung in den Augen Racis. Ein großer Schritt vorwärts war der Oscar 1987 für die gehörlose Marlee Matlin im Film „Gottes vergessene Kinder“.

Schwarze und queere Filmemacher und Darsteller erkämpften sich in den vergangenen Jahren erfolgreich einen Platz in der Filmwelt. Doch Künstler mit Behinderung blieben eine seltene Ausnahme. „Behinderte sind oft die letzten, wenn es darum geht, unterrepräsentierte Gruppen einzubeziehen“, kritisiert der Regisseur Doug Roland.

Die Begegnung mit einem Taubblinden, der spätabends Hilfe beim Überqueren einer Straße in New York brauchte, inspirierte den nicht-behinderten Roland zu seinem Kurzfilm  „Feeling Through“, der nun für einen Oscar nominiert ist. Die Hauptrolle darin spielt der taubblinde Schauspieler Robert Tarango – ein absolutes Novum in Hollywood.

Die Vorurteile behinderten Menschen gegenüber säßen in der Unterhaltungsbranche „sehr tief“ und viele seien sich dessen gar nicht bewusst, sagt Roland. Behinderte würden „oft als ‚minderwertig‘ oder gar ‚untermenschlich‘ angesehen“, sagt er.

„Die Leute haben Angst vor dem, was sie nicht kennen, oder sie fühlen sich bedroht“, bestätigt Schauspieler Raci. „Gehörlosigkeit ist ein unsichtbares Handicap, nichts an jemandem sagt ‚Ich bin gehörlos‘.“

Schauspieler mit Behinderung haben auch mit ganz konkreten Hürden zu kämpfen: Die wenigsten Studios sind für Rollstuhlfahrer oder Blinde eingerichtet. Mehrere Hollywood-Stars forderten kürzlich in einem offenen Brief, diese Barrieren zu beseitigen.

Der Schauspieler Nic Novicki rief 2013 einen Filmwettbewerb ins Leben, bei dem pro Film mindestens ein Schauspieler oder ein Mitglied des Filmteams mit Behinderung dabei sein muss. „Als ich damit anfing, waren wir stark unterrepräsentiert, noch stärker als jetzt“, sagt Novicki. Der Schauspieler ist kleinwüchsig und hatte es leid, immer nur stereotype Rollen angeboten zu bekommen, in denen seine Körpergröße im Mittelpunkt stand.

Ebenfalls für einen der diesjährigen Oscars nominiert ist der Dokumentarfilm „Der Sommer der Krüppelbewegung“ von der Produktionsfirma von Barack und Michelle Obama. Es geht um ein Sommercamp für behinderte Jugendliche in den 1970er Jahren und dessen entscheidende Rolle für die US-Behindertenrechtsbewegung. „Es ist einer der schönsten und inklusivsten Filme, die ich kenne“, sagt Novicki und lobt Co-Regisseur James LeBrecht, der selbst im Rollstuhl sitzt.

Hunderte Millionen Menschen weltweit sind behindert – „die größte Minderheit der Welt“, sagt Novicki. Höchste Zeit, dass sie auch im Film eine entsprechend große Rolle spielten.

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AFP/Redaktion
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