Fall Peggy: Am 7. Mai 2001 begann einer der rätselhaftesten Kriminalfälle Deutschlands

Die Justitia - ein Symbol der Rechtsstaatlichkeit
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Was genau geschah am 7. Mai 2001 mit der kleinen Peggy aus Lichtenberg? Die Frage beschäftigte unzählige Menschen. Polizisten, Staatsanwälte, Richter, Journalisten, die Menschen in der fränkischen Gemeinde und natürlich vor allem die Eltern der damals Neunjährigen. Doch 20 Jahre nach dem Verschwinden von Peggy gibt es nur die Gewissheit, dass das Kind tot ist – erst vor wenigen Jahren wurde das Skelett gefunden.

Der Fall Peggy ist einer der rätselhaftesten Mordfälle in Deutschland in den vergangenen Jahren. Rein rechtlich gilt der Fall als sogenannter Cold Case. Im Oktober stellte die Staatsanwaltschaft in Bayreuth ihre Ermittlungen ein. Auch gegen den bisher letzten Verdächtigen in dem Fall konnten die Ermittler keine hinreichenden Beweise für eine Anklage ermitteln.

Zweifelhaft scheint aber, dass anders als andere unaufgeklärte Mordfälle dieser in Vergessenheit gerät. In Facebook-Foren nehmen viele Nutzer den Fall Peggy als einen Beleg für das Versagen der Justiz, verbreiten außerdem Verschwörungstheorien. Gudrun Rödel, die einen ursprünglich als Peggys Mörder verurteilten geistig Behinderten als Betreuerin vertrat, vermischte etwa erst in diesem Jahr in einem Buch mehrere Kriminalfälle mit dem Fall Peggy und benannte das als „Tatsachenbericht über Fehlurteile“.

Die Polizei machte es mit einer Vielzahl von Ermittlungspannen und einem im Nachhinein haarsträubend erscheinenden Vorgehen für Verschwörungstheoretiker allerdings auch leicht, solche Thesen zu verbreiten.

Dabei erschien der Fall trotz der noch nicht gefundenen Leiche in einem ersten Prozess 2004 völlig klar. Die Staatsanwaltschaft legte dar, der damals 23 Jahre alte geistig Behinderte habe Peggy wenige Tage vor dem 7. Mai vergewaltigt. Als er sie wieder sah und sich entschuldigen wollte, soll die Situation eskaliert sein. Am Ende soll Peggy von dem Mann erstickt worden sein, die Leiche soll mit Hilfe eines Unbekannten beseitigt worden sein. Der behinderte Mann wurde wegen Mordes verurteilt.

2014 musste das Verfahren aber wieder aufgerollt werden, der vermeintliche Mörder wurde rechtskräftig freigesprochen. Dies lag auch daran, dass ein Hauptbelastungszeuge aus dem ersten Prozess eine Falschaussage getätigt hatte.

Aber auch das zweifelhafte Vorgehen der Polizei war damals ein Thema. Diese hatte ausgerechnet in dem Moment ein Geständnis protokolliert, als der Verteidiger des mit einem Intelligenzquotienten von unter 70 begutachteten Manns nicht anwesend war und das Tonbandgerät nicht funktionierte. Einen Polizei- und Justizskandal stellte der „Spiegel“ fest, inklusive politischer Einflussnahme durch Bayerns damaligen Innenminister Günther Beckstein (CSU).

Es dauerte bis ins Jahr 2015, bis zufällig in einem Waldstück im nahen Thüringen die sterblichen Überreste von Peggy gefunden wurden. Für die Ermittler gab es damals die nächste Blamage. Am Fundort wollten sie eine DNA-Spur des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden haben. Doch tatsächlich kam diese durch einen verunreinigten Meterstab der Thüringer Polizei dorthin.

Wegen anderer Spuren geriet als bisher letzter Verdächtiger ein Bestatter aus der Region unter Verdacht, der Mann kam 2018 sogar in Untersuchungshaft. Er legte dort auch ein Teilgeständnis ab – demnach will er die Leiche von Peggy entgegen genommen und vergraben haben. Doch das Teilgeständnis widerrief der Mann später, seit Heiligabend 2018 ist er wieder frei. Sollte er wirklich die Leiche beseitigt haben, wäre dies als Tatvorwurf verjährt.

In ihrer Mitteilung zur Einstellung des Verfahrens klang die Bayreuther Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr resiginiert. Rund 6400 Ermittlungsspuren sei nachgegangen worden, etwa 3600 Vernehmungen habe es gegeben, 450 Aktenordner hätten sich gefüllt. Doch dass sich damit der Fall noch aufklären lässt, glauben die Ermittler nicht mehr. „Der Ermittlungskomplex ‚Peggy‘ mit allen Verfahren ist nun vollständig beendet,“ erklärten sie damals.

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AFP/Redaktion
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