Kampf für einen der letzten wilden Flüsse Europas

Vjosa - Bild: Karelj, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Vjosa - Bild: Karelj, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die Vjosa in Albanien ist ein majestätischer Fluss, der sich seinen Weg durch Berge und Ebenen sucht und schließlich in der Adria mündet. Umweltschützern zufolge ist der im griechischen Pindosgebirge entspringende Strom Europas letzter großer noch wirklich wilder Fluss – doch diese Unberührtheit ist in akuter Gefahr. Für ein Staudamm-Projekt soll nun auch der Lauf der Vjosa verändert werden – mit weitreichenden Folgen für die Artenvielfalt entlang des Flusses. Dagegen machen nicht nur Einheimische, sondern auch Umweltschützer aus anderen Ländern wie Hollywood-Star Leonardo DiCaprio Front.

Die türkisch-albanische Firma Ayen-ALB hat die Rechte an dem Staudamm-Projekt, für das der Flusslauf verändert werden müsste. Durch den Staudamm würden Gegenden mit seltenen Tieren und Pflanzen, aber auch Felder und Ortschaften überflutet und die Lebensgrundlage von Fischern beeinträchtigt. Für die gesamte Vjosa gibt es nach Angaben von Anwohnern und Umweltschützern Pläne für mehr als 40 Staudämme.

Gastwirt Arjan Zeqaj müsste sein Restaurant im Dorf Qesarat aufgeben, wenn der Ayen-ALB-Staudamm gebaut würde. Noch haben Zeqajs Gäste einen spektakulären Ausblick auf das Grasland zwischen den chaotisch mäandernden Armen der Vjosa. Wenn der Staudamm käme, würde das Wasser bis zu der nur wenige Meter von Zeqajs Lokal entfernten Straße reichen. „Ich müsste auswandern“, sagt Zeqaj. Doch das will er auf keinen Fall: „Die Vjosa ist meine größte Liebe“, sagt er.

Seit Jahrzehnten gibt es juristische Streitigkeiten über den Staudamm-Bau und seit Jahren fordern Umweltschützer die selbe Lösung. „Das Vjosa-Tal muss zum Nationalpark erklärt werden“, sagt Besjana Guri von der Organisation EcoAlbania. „Das wird nicht nur sein einzigartiges Ökosystem schützen, sondern auch die Entwicklung stabilisieren und lokalen Öko-Tourismus fördern.“

Um über Albaniens Grenzen hinaus Unterstützung für den Schutz des Vjosa-Tals zu bekommen, arbeitet EcoAlbania mit internationalen Umweltorganisation zusammen. Ulrich Eichelmann von der österreichischen Organisation RiverWatch spricht von der „einzigen Chance in Europa“, ein naturbelassenes Flusssystem zu retten. Entlang der Vjosa leben 1175 Tier- und Pflanzenarten, darunter viele geschützte und international bedrohte.

Dass Albanien eigentlich keine weiteren Wasserkraftwerke braucht, räumt auch die Regierung in Tirana ein. Vergangenes Jahr untersagte das Umweltministerium Ayen-ALB, mit dem Staudamm-Bau zu beginnen. Das türkisch-albanische Unternehmen prozessiert dagegen.

Eine Einstufung des Vjosa-Tals als Nationalpark sei aber „ein bisschen zu viel“, sagte der albanische Regierungschef, Edi Rama, der Nachrichtenagentur AFP. Zehntausende Anwohner könnten dann ihren Jobs in Bereichen von der Landwirtschaft bis hin zum Öko-Tourismus nicht mehr nachgehen. Rama will das Gebiet daher lediglich zum Schutzgebiet erklären.

Umweltaktivisten und Bewohner des Vjosa-Tals halten dem entgegen, als Nationalpark wäre das Gebiet gesetzlich vor Wasserkraftwerk- und Flughafen-Bauten und anderen schädlichen Einflüssen geschützt. Nicht die Einstufung zum Nationalpark, sondern die Industrialisierung des Gebiets würde den Öko-Tourismus zum Erliegen bringen, pflichtet Tourismus-Expertin Albiona Mucoimaj bei.

Doch Wander- und Kajaktouren in Kleingruppen reichen der Regierung nicht. Sie setzt auf Pauschaltouristen mit tausenden Besuchern und will dafür mehrere Flughäfen bauen, unter anderem einen nahe des Vjosa-Deltas.

Der Streit um das Vjosa-Tal steht stellvertretend für eine global geführte Debatte: Entwicklung um jeden Preis oder Umweltschutz über allem. In diesem Kontext sei der Kampf um das Vjosa-Tal „eine einzigartige Gelegenheit, ein Beispiel in Europa und der Welt zu setzen“, sagt Annette Spangenberg von der deutschen Organisation EuroNatur.

Der für sein Umwelt- und Klimaschutzengagement bekannte US-Schauspieler DiCaprio machte schon im Oktober 2019 darauf aufmerksam, wie schützenswert Flüsse wie die Vjosa als „Arterien der Natur“ sind. „Das ist einer von Europas letzten wilden Flüssen“, schrieb er in einem Instagram-Post über die Vjosa. „Aber wie lange noch?“

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