Der lange Weg zum digitalen europäischen Impfpass

Corona-Reisepass (Symbolbild) - Bild: 9_fingers_ via Twenty20
Corona-Reisepass (Symbolbild) - Bild: 9_fingers_ via Twenty20

Der Weg zum digitalen europäischen Corona-Impfpass war lang: Videokonferenzen mit 130 Teilnehmern, Ausfälle bei der Generalprobe – Josef Lieven und sein Team von Software-Ingenieuren meisterten so einige Herausforderungen. Doch nach rund zehn Wochen Arbeit sind sie bereit, den ersten europäischen digitalen Impfpass zu veröffentlichen. Das ambitionierte Ziel lautet, den Europäern zum Sommerurlaub das Reisen wieder zu erleichtern.

Die EU-Kommission hatte ihre elektronische Plattform für die Überprüfung von Impfzertifikaten am Dienstag gestartet. Die technischen Vorbereitungen für die EU-weite Ausgabe der digital lesbaren Bescheinigungen sei damit abgeschlossen, sagte ein Sprecher der EU-Kommission. Sieben Länder hätten bereits mit der Ausstellung begonnen, darunter Deutschland.

„Man empfindet ein bisschen Erleichterung, und auch Freude und Stolz“, sagte der T-Systems-Mitarbeiter Lieven, der das IT-Projekt gemeinsam mit dem deutschen Unternehmen SAP leitete. Die Europäische Kommission hatte beide Unternehmen damit beauftragt, eine App zu entwickeln, die Informationen darüber sammelt, ob ein Mensch vollständig gegen Corona geimpft ist, kürzlich negativ getestet wurde oder bereits eine Corona-Infektion überstanden hat.

All diese Informationen werden in einem QR-Code gespeichert, der von allen 27 EU-Staaten und ihren Nachbarländern Island, Norwegen und Liechtenstein gescannt und gelesen werden kann. Das Ziel der Anwendung ist es, Reisen wieder zu ermöglichen und gleichzeitig das Risiko zu minimieren, dass Reisende das Virus einschleppen.

Die App, die häufig als „Impfausweis“ bezeichnet wird, ist die erste digitale Gesundheitsanwendung, die über EU-Grenzen hinweg anerkannt wird und gleichzeitig den strengen EU-Datenschutzregelungen genügt. Das Projekt sei „anstrengend“ aber auch interessant gewesen, sagte Lieven. „Wir stellen in Europa eine Lösung auf die Beine, die vielleicht andere, auch hoch technisierte Regionen oder Länder, nicht haben“, sagte er der Nachrichtenagentur AFP in einem Interview.

„Beispiel USA – dort gibt es noch keine bundesweite Lösung eines solchen digitalen Impf-Zertifikats“, sagte er weiter. „In gewisser Weise bin ich auch Stolz für Europa, dass wir das in der kurzen Zeit so auf die Beine stellen konnten.“

Die Deutsche Telekom und das Softwareunternehmen SAP sind keine Neulinge im Bereich der Corona-Apps. Gemeinsam entwickelten die Firmen bereits im vergangenen Jahr die Corona-Warnapp mitsamt ihren strikten Datenschutzfunktionen. Brüssel gab später ein weiteres Projekt in Auftrag, um verschiedene nationale Corona-Apps besser miteinander zu vernetzen und die Pandemie somit auch über Grenzen hinweg besser verfolgen zu können.

Die Software für den neuen digitalen Impfpass zu entwickeln war ähnlich, sagte Lieven, aber auch „eine Stufe komplexer“, denn viele Länder wollten von Beginn an an dem Projekt mitwirken. Und natürlich arbeiteten Lieven und sein Team gegen die Uhr – am 1. Juli beginnt die wichtige Sommerferienzeit in Europa.

Mit demselben Team, das bereits an den vorherigen Corona-Apps gearbeitet hatte, begannen Lieven und seine Software-Ingenieure am Prototyp zu arbeiten, noch bevor ihnen die genaue Spezifikation bekannt war. Denn erst am 20. Mai einigten sich das EU-Parlament und die EU-Mitgliedstaaten auf das Impfzertifikat. Bis dahin bestand immer die Gefahr, dass unerwartete Änderungen gefordert werden könnten.

„Wir haben begonnen, die Software zu implementieren, doch es gibt in solchen Projekten immer eine gewisse Unsicherheit, dass sich am politischen Rahmen noch etwas ändert“, sagte Lieven. Ein typischer Arbeitstag begann um 08.00 Uhr morgens mit einem Telefonat mit seiner Kontaktperson in der Europäischen Kommission, um die täglichen Ziele zu besprechen. Anschließend gab es mittags ein Meeting zwischen den Entwicklern von T-Systems und SAP.

Den Rest der Zeit arbeitete das Team aufgeteilt in zehn Gruppen von jeweils rund fünf Mitarbeitern gleichzeitig an allen Ecken und Enden der Anwendung. Die Software selbst zu schreiben war „nur ein Teil des Ganzen“, sagte Lieven. Im Auge behalten musste er außerdem den Datenschutz, Sicherheitsfragen und den immensen Koordinationsaufwand zwischen den verschiedenen Ländern.

Besonders spannend waren laut Lieven die wöchentlichen Telefonkonferenzen mit rund 130 Teilnehmern aus den verschiedenen Mitgliedstaaten, in denen Neuigkeiten ausgetauscht und Probleme besprochen wurden.

Die letzten drei Wochen des Projekts waren auch die stressigsten, denn die Kommunikation zwischen jedem einzelnen nationalen System und den europäischen Servern musste genauestens geprüft werden. Es war kein guter Start, als die zwei Länder, mit denen die kritische Testphase beginnen sollte, am ersten Tag noch nicht bereit waren.

„An dem ersten Montag hatten wir kein Land, mit dem wir testen konnten, weil sich bei zwei Ländern die nationalen Zeitpläne verschoben hatten“, sagte Lieven AFP. „Das war eine Überraschung.“ Ab dem nächsten Tag habe dann aber „alles funktioniert“, erinnerte sich Lieven.

Er freut sich nun darauf, die App selber benutzen zu dürfen, beispielsweise, um seinen Sohn in Dänemark zu besuchen. Bei seinem letzten Besuch freute er sich: „Wenn Ihr uns das nächste Mal besuchen kommt, dann könnt Ihr ja mit Hilfe des digitalen Zertifikats einfacher reisen“.

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