Joe Biden und Boris Johnson: Der Trump-Bezwinger und der Trump-Klon

Joe Biden - Bild: Adam Schultz/White House
Joe Biden - Bild: Adam Schultz/White House

Schulterklopfen, Komplimente und ein harmonischer Tonfall: Bei ihrem ersten Treffen seit Joe Bidens Amtseinführung wirkten der US-Präsident und der britische Premierminister Boris Johnson am Donnerstag wie alte Freunde. Dabei war das Verhältnis der beiden Politiker lange kompliziert und von Misstönen geprägt. Doch beide haben ein Interesse daran, die historisch enge Partnerschaft ihrer Länder zu vertiefen. Den Anfang macht nun eine Neuauflage der Atlantik-Charta von 1941.

Nach Bidens Amtsantritt im Januar war Johnson der erste europäische Regierungschef, den der neue US-Präsident anrief. Biden wolle „die besonderen Beziehungen zwischen unseren Ländern stärken und die transatlantischen Bindungen neu beleben“, erklärte das Weiße Haus damals. Johnson wiederum veröffentlichte ein Foto von sich lachend und mit hochgekrempelten Hemdsärmeln am Telefon und schrieb dazu: „Großartig, heute Abend mit Präsident Joe Biden zu sprechen.“

Der US-Demokrat und der konservative Tory-Politiker waren schon damals sichtlich um gute Stimmung bemüht. Biden und sein Lager sahen Johnson zuvor mit Skepsis. Dem Premier hängt bis heute an, dass er 2016 dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama wegen seines „teilweise kenianischen“ Hintergrunds eine „angeborene Abneigung gegen das britische Imperium“ attestierte. Biden war damals Obamas Stellvertreter.

Ende 2019 sorgte Biden als Präsidentschaftsbewerber dann für Aufsehen, als er Johnson nach dem Tory-Sieg bei der Parlamentswahl in Großbritannien als „physischen und emotionalen Klon“ Trumps bezeichnete. Vergleiche zwischen Trump und dem ebenfalls in New York geborenen Johnson hatte es schon zuvor viele gegeben, nicht nur wegen ihrer blonden Haare, sondern auch wegen ihres populistischen Politikstils und ihres häufig lockeren Umgangs mit der Wahrheit. Trump war zudem ein großer Fan von Johnsons Brexit-Politik – ganz im Gegensatz zu Biden.

Der neue US-Präsident, der immer wieder stolz und leidenschaftlich auf seine irischen Wurzeln verweist, mahnt die Einhaltung des Karfreitagsabkommens an, mit dem 1998 der Nordirland-Konflikt beigelegt wurde. Im vergangenen Herbst warnte Biden unmissverständlich, zwischen Irland und dem zu Großbritannien gehörenden Nordirland dürfe keine harte Grenze entstehen. Sonst gebe es keinerlei Aussichten auf das von Johnson erhoffte Freihandelsabkommen zwischen den USA und Großbritannien.

Trump hatte Johnson ein solches Abkommen nach dem Brexit versprochen – die Biden-Regierung scheint es bei dem Thema aber nicht besonders eilig zu haben.

Besser klappt die Zusammenarbeit bei Themen wie Klimaschutz und Corona. Biden wie Johnson sehen den Kampf gegen die Erderwärmung als dringliche Aufgabe an und setzen auf internationale Kooperation. Um einen engeren Schulterschluss zwischen London und Washington in diesen Bereichen sowie in der globalen Sicherheit soll es in der Neuauflage der Atlantik-Charta gehen, die Johnson und Biden am Donnerstag verabschiedeten.

Eine enge Zusammenarbeit zwischen London und Washington sei „entscheidend für die Zukunft der Stabilität und des Wohlstandes der Welt“, erklärte Johnson, der damit eine Vision seines Amtsvorgängers Winston Churchill und des früheren US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt zitierte. Zumindest einem engeren Verhältnis zum derzeitigen US-Präsidenten dürfte Johnson nach dem Treffen am Donnerstag einen Schritt näher gekommen sein.

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