Über 500.000 Widersprüche in einem Jahr sind kein statistischer Ausrutscher. Sie sind ein Systemsignal. Wenn 2025 so viele Menschen Entscheidungen der Jobcenter anfechten wie nie zuvor – und zehntausende davon am Ende korrigiert werden müssen –, dann liegt das Problem nicht bei den Leistungsberechtigten. Es liegt bei der Bundesagentur für Arbeit und ihrer Verwaltungspraxis.
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: In über 42.000 Fällen lag eine fehlerhafte Rechtsanwendung durch die Jobcenter vor. Das sind keine Grauzonen, keine Auslegungssache, keine „Missverständnisse“. Das sind objektiv falsche Bescheide, ausgestellt von einer Behörde, die über existenzsichernde Leistungen entscheidet. Wer hier von Einzelfällen spricht, verharmlost ein strukturelles Versagen.
Besonders brisant ist, wo die Fehler passieren: bei den Kosten der Unterkunft, bei Rückforderungen, bei der Anrechnung von Einkommen und Vermögen. Also genau dort, wo es für Betroffene um Miete, Schulden, Stromsperren und im Zweifel um Wohnungsverlust geht. Fehler in diesem Bereich sind keine Formalien – sie sind soziale Sprengsätze.
Dass fast ein Drittel der Klagen vor Gericht zu neuen Entscheidungen führt, entlarvt zudem das Narrativ der Behörde, man arbeite im Großen und Ganzen korrekt. Wer erst nach richterlichem Druck rechtmäßig handelt, handelt nicht rechtsstaatlich souverän, sondern reaktiv und risikolos auf Kosten der Schwächsten.
Besonders zynisch wirkt der Hinweis, viele Fehler seien erst im Widerspruchsverfahren korrigiert worden, weil Unterlagen „nachgereicht“ wurden. Übersetzt heißt das: Bescheide werden erlassen, obwohl sie offensichtlich nicht entscheidungsreif sind. Die Rechtsfolgen tragen nicht die Jobcenter – sie tragen die Betroffenen. Zeitverzug, Unsicherheit, Existenzangst inklusive.
Die Bundesagentur für Arbeit verweist gern auf niedrige Quoten gemessen an Millionen Bescheiden. Doch diese Argumentation ist gefährlich verkürzt. Schon ein einziger falscher Bescheid kann eine Familie in Not bringen. Hunderttausende falsche oder korrigierte Entscheidungen zeigen kein effizientes System, sondern ein bürokratisches Machtgefälle, das systematisch zu Lasten der Leistungsbeziehenden geht.
Wer ernsthaft Vertrauen in den Sozialstaat erhalten will, muss endlich umsteuern: weniger Automatismen, mehr Sorgfalt, bessere Schulung, klare Verantwortung – und vor allem echte Konsequenzen bei wiederholten Fehlentscheidungen. Solange Fehler folgenlos bleiben, werden sie bleiben. Und solange Betroffene ihr Recht erst erstreiten müssen, ist dieses System nicht gerecht, sondern defensiv verwaltet.



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