Der Eurovision Song Contest ist nicht nur eine Musikshow – er ist auch ein komplexes Abstimmungsverfahren, das sich über Jahrzehnte entwickelt hat. Für Wien 2026 hat die Europäische Rundfunkunion (EBU) das System an mehreren Stellen reformiert. Was sich geändert hat, wie Jury und Publikum zusammenspielen – und warum das Ergebnis bis zur letzten Sekunde offen bleibt.
Das Grundprinzip: 50:50 zwischen Jury und Publikum
Jedes teilnehmende Land vergibt im Finale Punkte – aufgeteilt in Punkte der nationalen Fachjury und Punkte des Televotings. Kein Land darf dabei für den eigenen Beitrag stimmen. Die Punkteskala ist in beiden Kategorien identisch: Für die zehn besten Acts gibt es 12 Punkte für den Favoriten, dann 10, 8, 7 und weiter absteigend bis 1 Punkt. Pro Land sind also maximal 12 Jury- und 12 Televoting-Punkte möglich.
Neu 2026: Jury auch im Halbfinale – und weniger Stimmen pro Person
Eine zentrale Neuerung ist die Wiedereinführung der nationalen Jurys in den Halbfinales, nachdem dort zwischen 2023 und 2025 ausschließlich das Publikum entschied. Das bedeutet: Auch im ersten Halbfinale am 12. Mai und im zweiten am 14. Mai entscheiden Jury und Publikum gemeinsam, welche zehn Länder pro Abend ins Finale einziehen.
Zudem wird die maximale Anzahl an Stimmen pro Abstimmungsmethode von 20 auf 10 reduziert. Fans können per SMS, Anruf oder Online-Abstimmung voten – und werden aktiv ermutigt, für mehrere Beiträge zu stimmen, um einseitige Beeinflussungen zu erschweren.
Ebenfalls neu: Die Anzahl der Jurymitglieder wurde von fünf auf sieben erhöht. Jede Jury muss dabei mindestens zwei Mitglieder zwischen 18 und 25 Jahren enthalten. Alle Jurymitglieder unterzeichnen eine formelle Erklärung, unabhängig und unparteiisch zu stimmen.
Hintergrund der Reformen
Hintergrund der Verschärfungen ist der Sieg Israels bei der Publikumswahl 2025, der den Verdacht der Manipulation durch staatlich finanzierte PR-Kampagnen weckte. Zwar konnten keine technischen Eingriffe bestätigt werden, dennoch können unverhältnismäßige Werbemaßnahmen Dritter künftig durch die EBU sanktioniert werden. Staatlich gestützte Social-Media-Kampagnen werden stärker eingeschränkt.
Wie die Punktevergabe im Finale abläuft
Das Finale am 16. Mai folgt einem klar geregelten Ablauf. Zuerst werden die Jurywertungen pro Land bekanntgegeben – klassisch per Live-Schalte in die Teilnehmerländer. Dann kommt der spannendere Teil: Die Publikumsstimmen aller Länder werden zusammengerechnet und als großer Block am Ende vergeben. Das Land mit den wenigsten Punkten nach der Jury-Wertung erhält als erstes Publikumsstimmen – so kann sich das gesamte Ranking noch einmal komplett drehen.
Mittlerweile ist die Punktvergabe so reduziert, dass bei den Live-Schaltungen nur noch die Höchstpunktzahl der Jurys genannt wird – die anderen Punkte erscheinen bereits zu Beginn der Schalte auf dem Tableau. Die Ergebnisse des Televotings verkünden die Moderatoren direkt in der Halle.
Bei Gleichstand entscheidet das Publikum
Wenn zwei Songs auf die gleiche Gesamtpunktzahl kommen, bekommt das Land die höhere Platzierung, das vom Publikum höher bewertet wurde. Das Zuschauervotum hat in diesem Fall Vorrang. Sollte auch die Zahl der Zuschauerstimmen für beide Songs gleich sein, liegt der Song vorne, der die höhere Jurywertung erhalten hat.
Wer darf abstimmen – und wie?
Bürgerinnen und Bürger eines Landes, das am ESC teilnimmt, können via Anruf, online oder per SMS abstimmen. Nimmt das eigene Land nicht am ESC teil, ist die Abstimmung nur ESC.vote möglich. Für deutsche Zuschauer werden die Telefonnummern während der Live-Show im Ersten bekanntgegeben. Das Voting öffnet, sobald der letzte Act aufgetreten ist.
Eine kurze Geschichte des Votings
Das heute so spannende Zwölf-Punkte-Modell wurde erst 1975 eingeführt. Dass nicht nur Jurymitglieder abstimmten, sondern auch das Publikum per Televoting Einfluss bekam, war erst ab 1998 der Fall. Seit 2016 werden Jury- und Televoting-Punkte separat ausgewiesen – ein System, das die Spannung bis zur letzten Sekunde garantiert.



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