Privater Schock für Winfried Kretschmann mitten in Pandemie und Wahlkampf

Winfried Kretschmann - Bild: Staatsministerium Baden-Württemberg
Winfried Kretschmann - Bild: Staatsministerium Baden-Württemberg

Mit einer Nachricht auf der Webseite des Staatsministeriums macht Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann am Freitag bekannt, was er eigentlich als „rein persönliche Angelegenheit“ einstuft – die Krebserkrankung seiner Frau Gerlinde. Die Nachricht trifft den Grünen-Politiker zu einem politisch denkbar ungünstigen politischen Zeitpunkt, denn neben dem Krisenmanagement in der Corona-Pandemie muss der 72-Jährige auch noch einen Wahlkampf führen.

Am 14. März wählt Baden-Württemberg einen neuen Landtag. Kretschmann will als Spitzenkandidat der Grünen wieder Regierungschef werden. „Ich werde in der schwierigen Lage für das Land meine Arbeit als Ministerpräsident weiterhin mit vollem Einsatz fortführen“, erklärt er am Freitag für die kommenden Wochen. Andere Termine wie etwa Wahlkampfauftritte werde er aber nun nicht immer wahrnehmen können. Er brauche „Zeit, um meiner Frau beizustehen“.

Die kommende Amtszeit als Ministerpräsident wäre Kretschmanns dritte. Nicht zuletzt durch seine ungebrochene Beliebtheit stehen die Grünen in aktuellen Umfragen gut fünf Prozent vor der CDU um ihre Spitzenkandidatin und Kultusministerin Susanne Eisenmann. Kretschmann gilt im Südwesten als fest verwurzelt. Bundespolitische Ambitionen wurden dem stets etwas sperrig wirkenden Ministerpräsidenten nur einmal kurz nachgesagt, als er als Nachfolger von Bundespräsident Joachim Gauck im Gespräch war.

Kretschmann kam am 17. Mai 1948 am Westrand der Schwäbischen Alb als Kind von Heimatvertriebenen im katholischem Milieu zur Welt. Ganz ähnliche Umstände prägten übrigens auch den in etwa gleichaltrigen ehemaligen Grünen-Übervater Joschka Fischer, dem er in den 80er im hessischen Umweltministerium als Referent diente. Mit diesem teilte Kretschmann auch den früh erwachenden Widerwillen gegen autoritäre Herrschaftsformen.

Erste politische Gehversuche machten beide in der radikalen linken Szene, Kretschmann in einer kommunistischen Hochschulgruppe. Vor dem Radikalismus habe ihn seine Frau gerettet, erzählte Kretschmann immer wieder. Nach einer Zeit als Lehrer an privaten Schulen wurde als Gymnasiallehrer verbeamtet. Seine politischen Anfänge verglich Kretschmann später mit einer Sektenmitgliedschaft.

Bei den Grünen machte sich Kretschmann von Anfang an einen Namen als Realpolitiker. Nach dem Einzug der damals noch jungen Partei in den Stuttgarter Landtag 1980 haderte er mit internen Grabenkämpfen mit dem linken Flügel. Er war zwar 1984 als Grünen-Spitzenkandidat für die Landtagswahl vorgesehen, zog sich deshalb jedoch zurück.

Auch danach folgte ein Hin und Her: 1988 kehrte Kretschmann in den Landtag zurück, überwarf sich aber erneut mit den Fundis. Er flog aus dem Parlament und arbeitete danach bis 1996 wieder als Lehrer. Seit 1996 aber ist Kretschmann ununterbrochen Landtagsabgeordneter.

2011 wurde dann sein Jahr: Nach dem Streit um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21, dem Eindruck der Atomkatastrophe von Fukushima und anhaltender Querelen der CDU konnte Kretschmann als erster Grüner überhaupt Ministerpräsident eines deutschen Bundeslands werden. Er regierte zunächst mit der SPD und seit seiner Wiederwahl 2016 mit der CDU. Im März will er es nun noch ein drittes Mal wissen.

Gerlinde Kretschmann steht nur selten neben ihrem Mann im Rampenlicht, gilt aber als wichtiger politischer Gesprächspartner ihres Manns. Das Paar ist seit 1975 verheiratet und in Oberschwaben fest verwurzelt. Sie leben im Örtchen Laiz, wo Gerlinde Kretschmann lange für die Grünen im Gemeinderat saß.

Nach ihrer Brustkrebsdiagnose gehe es seiner 73-jährigen Frau „den Umständen entsprechend“, erklärte Kretschmann am Freitag – „aber es kommen nun schwere Zeiten auf sie zu“. Trotz der anstehenden Wahl und seiner Pflichten als Ministerpräsident will er für sie „da sein, so gut es geht“.

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AFP/Redaktion
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