Ein Kardinal als Sündenbock – Für Kölner Erzbischof Woelki ist Veröffentlichung von Gutachten letzte Chance

Rainer Maria Woelki - Bild: Erzbistum Köln/Diart, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Rainer Maria Woelki - Bild: Erzbistum Köln/Diart, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Manchmal in den vergangenen Wochen dürfte sich der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki wie der biblische Sündenbock gefühlt haben. Dieser – ein Ziegenbock – bekam vom Hohepriester die Sünden des Volks übertragen und wurde dann in die Wüste getrieben. Woelki aber wehrt sich bisher dagegen, dass er der Sündenbock sein und für den sexuellen Missbrauch durch Priester in seiner Diözese allein verantwortlich gemacht werden soll. Durch die Vorlage eines Gutachtens am Donnerstag will er einen Befreiungsschlag erreichen.

Woelki ist gebürtiger Kölner. Allein deshalb dürfte er ein besonderes lokalpatriotisches Empfinden für die Katholiken im Rheinland haben – und wird es ihn kaum kalt lassen, dass diese derzeit in Scharen aus der katholischen Kirche austreten.

Verantwortung dafür übernahm er bisher noch nicht. Doch er stellte die Bedeutung der Wahrheit heraus, als er zuletzt über die Vorstellung des Gutachtens des Strafrechtlers Björn Gercke sprach. Indirekt räumte er dabei massive Verfehlungen im Bistum ein. Denn Woelki sagte: „Vertuschung und Mauschelei darf es nicht mehr geben.“ Beides gab es also demnach bisher.

Über Monate war Woelki in der Defensive – verursacht vor allem dadurch, dass er ein bereits vor einem Jahr zur Veröffentlichung vorbereitetes Gutachten einer Münchner Kanzlei zurückhielt. Als Folge kündigten ihm die Kölner Laienvertreter die Mitarbeit an Zukunftsprojekten auf, führende Kölner Kleriker formulierten ihr Missfallen.

Doch mit dem Näherkommen der Gutachtenpräsentation nahm die öffentliche Schelte an Woelki etwas ab. Er hat nun seinen Fahrplan klar umrissen – nach der Vorstellung des neuen Gutachtens berät er über mögliche Konsequenzen, zu denen auch die Beurlaubung von Klerikern zählt. Die Konsequenzen will er fünf Tage später vorstellen und dann nochmals zwei Tage später auch das Münchner Gutachten einsehbar machen.

Danach liegt alles auf dem Tisch. Dann dürfte sich auch weisen, ob der bekannteste konservative katholische Würdenträger in Deutschland eine Zukunft als Kölner Kardinal hat.

Woelki kam am 18. August 1956 im Kölner Stadtteil Mülheim zur Welt. Der 95. Bischof in der Geschichte des Erzbistums hat eine fast durchgehend Kölner Vita – hier wurde er 1985 zum Priester geweiht, hier war er von 2003 bis 2011 Weihbischof. Ortswechsel machte er nur zwei – 2000 wurde Woelki in Rom in Theologie promoviert. Und von 2011 bis 2014 war er Erzbischof in Berlin.

Die Berliner Jahre begründeten einen weltoffenen Ruf, der heute nicht mehr zu seinem Bild in der Öffentlichkeit passen will. In Berlin zeigte Woelki sich volksnah, bezog eine Dachgeschossmietwohnung in einem Viertel mit einigen sozialen Problemen.

Woelki traf sich als erster Berliner Bischof mit Vertretern des Lesben- und Schwulenverbands. Statt die Limousine nahm der 1,92 Meter große Theologe regelmäßig das Fahrrad auf dem Weg durch die Stadt. Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) lobte den noch von Papst Benedikt XVI. in den Kardinalsstand erhobenen Geistlichen: Woelki habe sein Amt „glaubwürdig, selbstbewusst, weltgewandt und zeitgemäß“ wahrgenommen.

Dass er nach nur wenigen Jahren wieder ging, lag am Ruf aus Köln. Dort war Woelkis theologischer Ziehvater Joachim Meisner 2014 in den Ruhestand gegangen. Und obwohl das größte deutsche Bistum nach einem Vierteljahrhundert unter Meisner einen neuen Aufbruch ersehnte, erwählte sich das Domkapitel mit großer Mehrheit Woelki zum Nachfolger.

Wie lange dessen Amtszeit noch dauert und wie sie bewertet werden wird, wird sich nach der Vorlage seines Gutachtens zeigen. Als alleiniger Sündenbock, so viel zeigt schon die Kampfeslust von Woelki, will er offenkundig aber nicht abtreten.

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AFP/Redaktion
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