Es war ein unscheinbarer Abend im Mai 1956, als in einem Schweizer Kurtheater der Grundstein für das größte Musikspektakel der Welt gelegt wurde. Am 24. Mai 1956 fand der erste Eurovision Song Contest im Teatro Kursaal in Lugano statt – damals noch unter dem Titel „Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea“. Sieben Länder, 14 Lieder, ein Moderator und keine festen Regeln. 70 Jahre später blickt Europa auf Wien.
Ein Abend in Lugano, der alles veränderte
Künstler aus sieben europäischen Ländern kamen nach Lugano, um am ersten Eurovision Song Contest teilzunehmen. Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande und die Schweiz waren dabei. Das Vereinigte Königreich, Dänemark und Österreich verpassten den Anmeldeschluss.
Die Regeln des Abends waren rudimentär: Es gab keine Vorgaben über Sprache, Spieldauer oder Veranstaltungsort. Die einzige Regel lautete, dass jedes Teilnehmerland vorab eine nationale Ausscheidung durchführen musste. Jedes Land entsandte zudem zwei Jurymitglieder nach Lugano, die hinter verschlossenen Türen abstimmten – nur der Sieger des Abends wurde am Ende bekannt gegeben.
Die Idee zum Wettbewerb stammte von Marcel Besançon, Generaldirektor der Schweizerischen Rundfunkgesellschaft und Vorsitzender der Programmkommission der Europäischen Rundfunkunion. Er initiierte den Anlass und übernahm die erste Austragung. Am 19. Oktober 1955 hatte die Generalversammlung der EBU die Durchführung des Wettbewerbs beschlossen.
Den Sieg holte an jenem Maiabend die Schweizerin Lys Assia mit dem Lied „Refrain“ – wobei alle Bewertungsunterlagen im Anschluss vernichtet wurden, sodass die genauen Abstimmungsergebnisse bis heute nicht rekonstruierbar sind.
Von sieben Ländern zur globalen Bühne
Was in Lugano als kleines europäisches Fernsehereignis begann, wuchs über Jahrzehnte zum größten Musikwettbewerb der Welt. Die Queer- und LGBTQ+-Bewegungen brachten sich zunehmend in das Geschehen ein und fanden im ESC eine internationale Plattform. Als 1998 mit Dana International eine Transgender-Künstlerin aus Israel den Wettbewerb gewann, wurde das Format zu einem wichtigen Transportmittel für Offenheit und Vielfalt.
Heute treten beim ESC 35 Nationen an – vor mehr als 160 Millionen Zuschauern weltweit.
Wien: Dreimal Gastgeber, dreimal Geschichte
2026 findet der ESC zum dritten Mal in Wien statt. Nach Udo Jürgens Sieg 1966 mit „Merci, Chérie“ war die Wiener Hofburg 1967 der erste österreichische Austragungsort. 2014 sorgte Conchita Wurst für den zweiten österreichischen Sieg – und 2015 war die Wiener Stadthalle erstmals ESC-Venue.
Diese Ausgabe von 2015 läutete eine neue Ära für den ESC ein und schuf viele Standards, die den Song Contest heute so spektakulär und beliebt machen. Die damals in Wien eingeführten gleichgeschlechtlichen Ampelpaare verbreiteten sich seither weltweit. Den aktuellen Anlass für die Rückkehr nach Wien lieferte JJ – Johannes Pietsch – der 2025 mit „Wasted Love“ den Titel holte.
Die perfekte Bühne für ein Jubiläum
Wien gilt als Stadt der Musik – von Mozart bis zum modernen Pop – und bietet als historisches Kulturzentrum einen spektakulären Rahmen für diese Jubiläumsausgabe des Wettbewerbs. Das Motto des 70. ESC lautet „United by Music“.
Das erste Semifinale beginnt mit einer emotionalen Zeitreise unter dem Motto „70 Years of Love“: Ein Film erzählt die Geschichte eines Paares vor dem Hintergrund der Song-Contest-Historie, bevor ein 70-köpfiger Chor den Abend mit einer Hommage an den ESC-Klassiker „L’amour est bleu“ eröffnet.
Der Wiener Rathausplatz verwandelt sich während des ESC in das Eurovision Village mit Public Viewing, Opening Ceremony und Fan-Events vom 10. bis 17. Mai. Das Finale steigt am 16. Mai in der Wiener Stadthalle.
Von Lugano 1956 nach Wien 2026 – sieben Länder wurden zu 35, ein Kurtheater zur Weltbühne, ein europäisches Experiment zur globalen Institution. Der ESC ist längst mehr als ein Wettbewerb. Er ist ein Spiegel Europas – in all seiner Vielfalt, Widersprüchlichkeit und Fähigkeit, Menschen durch Musik zu verbinden.



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