Gaucks ehemaliger Protokollchef beklagt Irrtümer über seine Aufgabe

Joachim Gauck (über dts Nachrichtenagentur)
Joachim Gauck (über dts Nachrichtenagentur)

Der frühere Protokollchef des Bundespräsidenten und des Bundestages, Enrico Brissa, beklagt Irrtümer über das Protokoll und hebt dessen politische Dimension hervor. „Es gibt ein paar Missverständnisse über das Protokoll: Es wird oft mit Häppchen, Servietten und Büttenpapier gleichgesetzt, also mit Beiwerk“, sagte Brissa dem Tagesspiegel. „Dabei ist das Protokoll viel mehr, nämlich ein kommunikatives Instrument ordnenden Charakters.“

Das gelte für jede Art von Protokoll, ob beim Staat, bei Universitäten, Kirchen, Unternehmen. Der promovierte Volljurist Brissa war bis Ende Mai Protokollchef des Bundestages und zuvor, von 2011 bis 2016, Protokollchef im Bundespräsidialamt. Hier arbeitete er für die Bundespräsidenten Christian Wulff und Joachim Gauck, an der Spitze des Parlamentes für Norbert Lammert, Wolfgang Schäuble (beide CDU) und Bärbel Bas (SPD).

Dem Protokoll geht es Brissa zufolge stets darum, eine Botschaft zu transportieren. „Das staatliche Zeremoniell dient der Repräsentation und es will politische Botschaften setzen. Protokoll hat eine eminent wichtige politische Seite, die immer bedeutender wird“, sagte Brissa: „Wir leben in einer kommunikativen Gesellschaft, die Macht der Bilder nimmt zu, wird schneller und mächtiger.“

Protokoll generiere Sicherheit, das sei „im internationalen Austausch, wenn Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und politischen Hintergründen zusammentreffen“, sehr wichtig. Aufgabe des staatlichen Protokolls sei es, „die Staatlichkeit und deren Repräsentanten darzustellen, zum Leben zu erwecken“, sagte Brissa. Der Staat sei „ein unsichtbares Gebilde, das der Vermittlung bedarf, etwa durch Symbole, Gesten, Rituale“.

Als Protokollchef sei man an den Amtsinhabern immer „nah dran“, sagte Brissa: „Ich habe manchmal mit Bundespräsident Gauck fast mehr Zeit verbracht als mit meiner Frau. Da muss die `Chemie` stimmen.“ Mit Gauck und dessen Lebensgefährtin Daniela Schadt hatte Brissa einst das Abschreiten des roten Teppichs, kurz die „militärischen Ehren“, geprobt.

„Bundespräsident Gauck und Frau Schadt haben mal in einem Interview gesagt, sie seien sich vorgekommen wie im Verkehrsgarten“, sagte Brissa: „Aber ganz im Ernst: Versetzen Sie sich in die Lage eines Bürgers, der plötzlich Bundespräsident wird. Das erfordert eine intellektuelle und auch emotionale Leistung des Apparats. Ich wollte nie der `Zuchtmeister` sein. Protokoll darf kein Korsett sein. Wir beraten und helfen. Punkt.“

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Nürnberger Blatt | Quelle: dts Nachrichtenagentur
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