Marokko kämpft verzweifelt mit steigenden Corona-Infektionszahlen

Corona in Deutschland
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Angst in den Städten“, „Die Regierung geht über Leichen“, „Harte Probe für Marokko“ – Die aktuellen Schlagzeilen in den marokkanischen Zeitungen klingen dramatisch. Sie kennen nur ein Thema: die rasante Ausbreitung der Corona-Pandemie in dem nordafrikanischen Königreich. Das Gesundheitssystem ist zunehmend überfordert – die Regierung offenbar ebenfalls.

Seit dem islamischen Opferfest Anfang August werden täglich mindestens 1000 Neuinfizierte gezählt, in den vergangenen Tagen waren es sogar mehr als 1500 neue Fälle pro Tag. Insgesamt haben sich bereits mehr als 50.000 der 35 Millionen Marokkaner nachgewiesenermaßen mit dem neuartigen Virus angesteckt.

Am Donnerstag sah sich König Mohammed VI. gezwungen, eindringlich an die Marokkaner zu appellieren. „Werden die Schutzvorschriften nicht streng und verantwortungsvoll eingehalten, wird die Zahl der Infizierten und Toten weiter steigen. Die Krankenhäuser werden nicht mehr in der Lage sein, die Pandemie zu bewältigen“, warnte das Staatsoberhaupt.

Schon Mitte August hatte sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beunruhigt über die zunehmenden Infektionen in Marokko gezeigt. Sie forderte das Königreich auf, „mehr zu tun, um den Trend umzukehren“.

Um die Pandemie in den Griff zu bekommen, verschärften die Behörden in den vergangenen Tagen ihre Maßnahmen. Sie stationierten Panzer, errichteten Straßensperren und entsandten Kontrollpatrouillen. 

In der Wirtschaftsmetropole Casablanca und in Marrakesch gelten seit Donnerstag wieder strikte Ausgangsbeschränkungen. In weiteren Städten, unter anderem der Hauptstadt Rabat und der Hafenstadt Tanger, wurden Viertel mit Infektionsherden abgeriegelt. Strände, an denen sich die Massen auf der Suche nach Erfrischung in der Sommerhitze drängten, wurden gesperrt.

„Die Lage in Casablanca verschlechtert sich von Tag zu Tag“, schrieb die halbamtliche Website „360“ und verwies mit Blick auf die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus auf die „beunruhigende Zahl der Fälle, die erst nach dem Tod festgestellt werden“. 

In Marrakesch versuchen Aktivisten und Mitarbeiter des Gesundheitswesens, auf die dramatische Situation aufmerksam zu machen. Zum einen mangelt es an medizinischer Versorgung, zum anderen leidet die Stadt wirtschaftlich, weil die Touristen ausbleiben. „Rettet Marrakesch“, lautet der Hashtag der Kampagne.

Dem marokkanischen Gesundheitsminister Khalid Ait Taleb werden schwere Versäumnisse angelastet. Er räumte ein, dass zur Bewältigung der Pandemie weitere 62.000 Rettungssanitäter und 30.000 medizinische Mitarbeiter benötigt würden. 

Die Zahl der Intensivbetten sei zwar auf 3000 erhöht worden und Marokko habe zusätzliche Beatmungsgeräte angeschafft, schreibt das Nachrichtenportal „Médias24“. Es fehle jedoch an Personal. Dem Bericht zufolge gibt es im ganzen Land im öffentlichen Gesundheitssystem nur 200 Anästhesisten.

„Neue Fälle werden erst sehr spät entdeckt“, sagte Tayeb Hamdi, Experte für Gesundheitspolitik, der Website goud.ma mit Blick auf die Corona-Pandemie. Manche bezweifeln deshalb die offiziellen Zahlen und gehen davon aus, dass tatsächlich weit mehr Marokkaner infiziert sind.

Nicht jeder lässt sich testen, aus Angst, seine Arbeit zu verlieren. Andere bekommen keinen Test. „Ich bin Diabetiker und wollte mich testen lassen“, sagt ein offenbar zur Corona-Risikogruppe gehörender Mann in einem Video, das die Website „Rue20“ vor einem Krankenhaus in Marrakesch drehte. „Aber sie haben mich nach Hause geschickt, weil es keine Tests gibt.“

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