„Team Wallraff“: Wie „krank“ ist unser Gesundheitssystem?

Günter Wallraff und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (li.) - Bild: RTL
Günter Wallraff und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (li.) - Bild: RTL

Überfüllte Notaufnahmen, zu wenig Betten und Patienten, die abgewiesen werden – Schlagzeilen, die man immer häufiger über die Zustände in deutschen Krankenhäusern liest. Bundesweit fehlen mehr als 200.000 Pflegekräfte. Aber wie „krank“ sind unsere Krankenhäuser wirklich? Was bedeutet diese Extrembelastung sowohl für Angestellte als auch Patienten? Und welche Rolle spielt die Politik bei der Sorgenakte Krankenhaus?

Um das herauszufinden, recherchiert „Team Wallraff“ in insgesamt drei Einrichtungen undercover, darunter auch eine Kinderklinik. Während ihrer Einsätze können die Reporterinnen zahlreiche Missstände in den Krankenhäusern dokumentieren: Unfallopfer werden vermeintlich zu früh entlassen, Missachtung von Hygienevorschriften oder Kinder, die trotz akuter Beschwerden fortgeschickt werden. Zudem setzen immer mehr Kliniken zur personellen Entlastung auf Pflegekräfte aus dem Ausland. Ein vielversprechendes Modell, doch wie wird es im Krankenhausalltag umgesetzt? Und wie rechtfertigt Gesundheitsminister Karl Lauterbach die erschreckenden Undercover-Enthüllungen?

Undercover im „Sankt Vincenz“-Krankenhaus in Limburg

Ein besorgniserregender Hilferuf erreicht Günter Wallraff aus dem „Sankt Vincenz“-Krankenhaus Limburg in Hessen. Durchschnittlich 28.000 Patienten werden in der gemeinnützigen Einrichtung jährlich behandelt, doch der Klinik laufe laut einer Informantin das Personal weg. Wie ernst ist der personelle Notstand vor Ort? Getarnt als Pflege-Praktikantin geht Reporterin Zarah den Hinweisen nach. Bereits an ihrem ersten Arbeitstag erlebt sie, wie eine ganze Station aufgrund von Personalmangel und Krankheitsausfällen geschlossen werden muss – und das nicht zum ersten Mal. Hierzu äußert sich das „Sankt Vincenz“-Krankenhaus gegenüber RTL wie folgt: „Unter Umständen werden einzelne Stationen geschlossen und die Patienten auf einer Station zusammengelegt.“

Doch was passiert teilweise, wenn alle Betten belegt sind? Auf Nachfrage von Zarah vertraut ihr eine Pflegekraft an, dass dann nur noch Entlassungen Abhilfe schaffen können. Die „Team Wallraff“-Reporterin wird Zeugin, wie eine junge Frau nach einem schweren Autounfall vom Arzt dazu ermutigt wird, sich gegen ärztlichen Rat selbst zu entlassen. Die Patientin habe ein Polytrauma erlitten und müsste laut unserer Expertin eigentlich 24 Stunden lang zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Die verunfallte Patientin steht zudem unter Schmerzmitteln und macht auf die Reporterin einen desorientierten Eindruck. Trotzdem wirkt der Arzt so lange auf die junge Frau ein, bis diese sich schließlich selbst eigenständig gegen ärztlichen Rat entlässt. In einer Stellungnahme an RTL erklärt sich das Krankenhaus wie folgt: „Gemäß den Leitlinien geschieht eine Entlassung dieser leicht oder gar nicht verletzten Patienten in jedem Fall nach einer ausführlichen Aufklärung über mögliche Risiken.“ Weiter heißt es, dass Patienten in ein anderes Krankenhaus verlegt würden, sollte einmal kein Bett frei sein.

Undercover in der „Asklepios“-Klinik Nord-Heidberg

Im Kampf gegen die Personalnot suchen viele Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen nach Fachkräften im Ausland. Besonders gut soll die Integration im „Asklepios“-Klinikum Nord-Heidberg gelingen. Dieser Eindruck wird auch durch verschiedene Medienberichte erweckt. Wie die Integration im Klinikalltag aussieht, möchte „Team Wallraff“-Reporterin Michelle während ihres zweiwöchigen Praktikums auf der Station der Inneren Medizin herausfinden. Rund zwei Mal im Jahr werden hier etwa 15 Pflegekräfte aus dem Ausland aufgenommen und auf die sogenannte Anerkennungsprüfung vorbereitet. Auf die Reporterin sieht das Anlernen der internationalen Patienten im Stationsalltag aber teilweise nach „learning by doing“ aus. Es fehlt die Anleitung und teilweise kümmern sich Auszubildende allein um eine Vielzahl von Patienten. Klinikbetreiber „Asklepios“ äußert sich zu diesem Vorwurf wie folgt: „Während einer Stationstätigkeit werden unsere Internationalen Pflegekräfte von einer ihnen spezifisch zugeordneten examinierten Pflegekraft betreut […], um menschliche Fehler, die im Alltag passieren können, zu erkennen und zu vermeiden.“

Die „Team Wallraff“-Reporterin wird Zeugin, wie eine ausländische Kollegin das Zimmer eines hochinfektiösen Patienten betritt, ohne, wie auf dem Türschild zu lesen ist, die erforderliche Schutzkleidung anzulegen. Michelle weist sie zudem noch rechtzeitig darauf hin, hochansteckende Abfälle nach Vorschrift direkt im Zimmer, statt auf der Station zu entsorgen. „Asklepios“ schreibt uns hierzu, dass die Infektion nach einer erfolgreichen Behandlung nicht mehr bestanden hätte. Die Schutzmaßnahmen im Zimmer seien bereits aufgehoben gewesen. Lediglich die Entfernung des Warnhinweises an der Tür war bedauerlicherweise schlichtweg vergessen worden. 

Trotz großem Engagement erlebt Michelle die internationalen Pfleger mehrfach unsicher und überfordert, dies lasse Raum für Fehler – auch nach bereits bestandener Prüfung. Doch wie darf das sein? Michelle hakt bei den ausbildenden Pflegefachkräften nach und erhält eine beunruhigende Antwort: Bei den Anerkennungsprüfungen werden teils Fragen so gestellt, dass die Auszubildenden sie auch beantworten können. So wolle man die Kollegen vor einer Abschiebung bewahren, aber auch den Personalstand im Krankenhaus verbessern. In einer Stellungnahme gegenüber RTL teilt „Asklepios“ mit, dass die Sozialbehörde Hamburg für die Anerkennungsprüfung verantwortlich sei und die Fragen der Prüfer vorab nicht bekannt seien.  

Undercover in der „Asklepios“-Kinderklinik St. Augustin

Mit insgesamt 170 Einrichtungen ist „Asklepios“ der zweitgrößte private Klinikbetreiber in Deutschland. 2021 hat das Unternehmen laut eigenem Geschäftsbericht über 100 Millionen Euro Gewinn gemacht. Die Kinderklinik St. Augustin zählt zu den großen des Landes. Presseartikeln zufolge wollte Asklepios die Klinik zeitweise schließen, da sie sich nicht mehr rentieren würde.

„Team Wallraff“-Reporterin Jana möchte sich von den Zuständen vor Ort ein Bild machen und bewirbt sich als Praktikantin. Gleich an ihrem ersten Tag in der zentralen Notaufnahme entsteht bei ihr der Eindruck, als müssten ihre Kollegen hier sehr auf das Geld achten: Ein Junge und seine Mutter werden trotz akuter Symptome von den Krankenschwestern weggeschickt. Jana ist irritiert. Eine Kollegin erklärt ihr, dass die Klinik den Jungen ohne ärztliche Überweisung über den Notfallschein hätte abrechnen müssen.

Das wäre ein Minusgeschäft von zwei Euro. In einer Stellungnahme an RTL schreibt „Asklepios“ dazu: „Notfallpatienten brauchen keine Überweisung eines Facharztes / einer Fachärztin und werden in Sankt Augustin jederzeit umfassend und bedarfsgerecht medizinisch und pflegerisch versorgt.“ […]  „Besteht keine stationäre Behandlungsnotwendigkeit, erfolgt eine eingehende Untersuchung und ambulante Notfallversorgung der Patienten und anschließend eine Rücküberweisung in die Praxen.“  

Während einer Nachtschicht werden gleich zwei Kinder mit Verdacht auf das hochansteckende RS-Virus eingeliefert. Da das Labor seit einiger Zeit nachts nicht mehr besetzt ist, bleiben der Ärztin nur Schnelltests zur Diagnose. Dabei wäre eigentlich eine umfassende Laboruntersuchung nötig, um genau bestimmen zu können, was den Kindern fehlt. „Asklepios“ erklärt in seinem Schreiben an RTL, dass die eingesetzten Schnelltests eine zuverlässige Diagnose erlaubten. Außerdem hätte das Krankenhaus seit Anfang des Jahres ein weiteres Analysegerät im Einsatz, um Infektionskrankheiten zu diagnostizieren. Und weiter: „Nur zeitlich nicht dringliche Untersuchungen werden von einem externen Labor übernommen.“   

Alle hier genannten Betreiber bestreiten die Vorwürfe, zur Gewinnmaximierung an Qualitätsaspekten und Fachpersonal zu sparen.

Für Günter Wallraff zeigen die Erfahrungen seiner Kolleginnen einmal mehr, dass sich endlich etwas ändern muss. Er mahnt an: „Unsere Undercover-Recherchen haben belegt, wie viel in Deutschlands Krankenhäusern im Argen liegt. Überlastung, Kostendruck, Mängel in der Ausbildung: Es muss endlich gehandelt werden. […] Wenn sich die Krankenhäuser weiterhin kaputtsparen, werden mehr Patienten zu Schaden kommen oder sogar sterben.“

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